Pilotstudie abgeschlossen · Forschungsbericht vom 23. August 2026
Musically Supported Bonding — Ergebnisse der Pilotstudie
Eine dreistufige musiktherapeutische Intervention zur frühzeitigen Bindungsförderung in der Schwangerschaft · MSH Medical School Hamburg
n = 2
Teilnehmerinnen (16. und 23. SSW)
3 × 90 Min.
Workshop-Sitzungen
4 Wochen
06.06. – 05.07.2026
Mixed Methods
konvergent-parallel
Kernergebnisse auf einen Blick
Bindungserleben verstärkt
Beide Teilnehmerinnen berichteten von einer verstärkten Bindung zum Ungeborenen und von bewussteren Momenten der Zuwendung. Der MAAS-Mittelwert stieg um 3,7 % bzw. 20,9 %.
Mehr Summen, Brummen und Singen fürs Baby
Die Items zum Brummen, Summen und Vorsingen für das Baby stiegen bei beiden. Eine tatsächliche Zunahme des Singens im Alltag ließ sich aber nicht eindeutig belegen.
Partner:innen gehören dazu
„Partnerbeteiligung“ war bei beiden die am häufigsten kodierte Kategorie – beide wünschten sich ausdrücklich, ihre Partner einzubeziehen.
Entspannendes Körpererleben
Stimm- und Aufwärmübungen wurden als wohltuend und entspannend erlebt; beide würden das Singen in der Schwangerschaft weiterempfehlen.
Einordnung: Bei n = 2, ohne Kontrollgruppe und mit kurzem Erhebungszeitraum sind die Befunde nicht generalisierbar und es wurden keine inferenzstatistischen Tests durchgeführt. Sie liefern erste Hinweise für die Weiterentwicklung des Ansatzes.
Zusammenfassung
Vokalisieren und Singen sind niedrigschwellige Formen vorsprachlicher Kommunikation. Im Alltag werdender Eltern in Deutschland sind sie jedoch wenig präsent. Angelehnt an den Songs-of-Kin-Ansatz, insbesondere an die Entwicklung eigener Wiegenlieder und die Nutzung der eigenen Stimme, wurde daher im Rahmen dieses Pilotprojekts die dreistufige musiktherapeutische Interventionsreihe Musically Supported Bonding (MSB) entwickelt, durchgeführt und evaluiert sowie ihre Wirkung auf das pränatale Bindungserleben werdender Mütter untersucht.
Aufgrund von n = 2, fehlender Kontrollgruppe und kurzem Erhebungszeitraum sind die Befunde nicht generalisierbar. Sie liefern jedoch erste Hinweise, dass MSB einen tragfähigen Rahmen für fötusgerichtetes Singen bietet, und legen nahe, Partnerpersonen in eine Weiterentwicklung des Manuals einzubeziehen.
Auszug aus der Zusammenfassung des Forschungsberichts
Die Studie
Forschungsfrage
Wie fördert die dreistufige Intervention Musically Supported Bonding die aktive Nutzung der Stimme und die Bindung werdender Mütter zu ihrem Ungeborenen?
- Design
- Explorative Pilotstudie im konvergenten parallelen Mixed-Methods-Design (Creswell & Plano Clark, 2018): quantitative Vorher-Nachher-Messung und qualitative Interviews, die aufeinander bezogen werden.
- Instrumente
- Maternal Antenatal Attachment Scale, deutsche Kurzversion mit 13 Items (Condon, 2015; Lehnig et al., 2024; α ≥ 0,69) und eine modifizierte Musikaktivitäts-Skala mit 9 Items (nach Politimou et al., 2018), jeweils zu T1 und T2.
- Interviews & Auswertung
- Leitfadengestützte Einzelinterviews nach Sitzung 3 (13 und 14 Min.), transkribiert und mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) ausgewertet – deduktiv aus dem Leitfaden, induktiv ergänzt (9 Hauptkategorien). Zusätzlich: Dokumentationsbögen zu jeder Sitzung.
- Stichprobe
- Eingeschlossen: volljährige Frauen mit physiologischer Schwangerschaft in der 12.–26. SSW, ausreichende Deutschkenntnisse, schriftliche Einwilligung. Ausgeschlossen u. a.: Hochrisiko-Schwangerschaft, akute psychiatrische Krise. Geplant waren 4–8, teilgenommen haben 2 Frauen.
- Ethik & Datenschutz
- Ethikantrag bewilligt (Votum MSH 2026-20). Freiwillige Teilnahme, jederzeit beendbar. Daten pseudonymisiert, Zuordnungsliste getrennt aufbewahrt, personenbezogene Angaben in den Transkripten entfernt.
Projektablauf
Vorbereitung
Entwicklung des Workshop-Manuals mit Hebammen-Feedback
Vorbereitung
Ethikantrag eingereicht und bewilligt (Votum MSH 2026-20)
Vorbereitung
Rekrutierung: Video, Website, 50 Poster in Hamburg-Harburg
6. Juni 2026
Sitzung 1 · Messzeitpunkt T1 (MAAS + Musikaktivität)
20. Juni 2026
Sitzung 2 · Lieder für das Baby entwickeln
5. Juli 2026
Sitzung 3 · T2-Messung · Leitfadeninterviews
23. Aug. 2026
Forschungsbericht vorgelegt
Die entwickelte Methode: drei Sitzungen à 90 Minuten
Angelehnt an die Songs-of-Kin-Intervention (Loewy, 2013/2015) wurde gemeinsam mit einer Hebamme ein Workshop-Manual entwickelt und durch Feedback von Geburtshäusern, Hebammen, Musiktherapeutinnen und Familienberatungen mehrfach angepasst. Kern: Aus jedem mitgebrachten Musikstück kann ein eigenes Wiegenlied werden. Leitmotiv aller Sitzungen ist das Wiegenlied „Thula Baba“.
Entdeckung der eigenen Stimme
- Vorstellung, Musikressourcen erfragen, Fragebögen (T1)
- Aufwärmen: Strecken, Abklopfen, Gähnen
- Stimmübungen: Tönen, Lautieren, Brummen, Summen, Bienenatmung
- Erstes Bindungslied „Thula Baba“ · Edukation: präverbale Kommunikation
- Abschluss mit Klangreise
Zwischen den Sitzungen: Musik hören, ein Lieblings- bzw. mögliches Wiegenlied auswählen
Lieder für das Baby entwickeln
- Aufwärm- und Stimmübungen, Rückblick auf die Woche
- Mitgebrachte Lieder über Kopfhörer hören und dazu vokalisieren
- Aus dem Lieblingslied ein individuelles Wiegenlied entwickeln
- Edukation: Wirkung und Nutzung von Wiegenliedern
- Vokalimprovisation zur Körpertambura
Zwischen den Sitzungen: Das entwickelte Lied für das Ungeborene singen
Bindung vertiefen & Transfer in den Alltag
- Reflexion der vergangenen Sitzungen
- Edukation: pränatale Bindungsentwicklung
- Persönliches Wiegenlied finalisieren, gemeinsam singen und summen
- Fragebögen (T2), danach Einzelinterviews
- Wie lässt sich das Erarbeitete im Alltag weiterführen?
Ergebnisse
Quantitativ: Vorher-Nachher-Vergleich
Beide Teilnehmerinnen füllten die Fragebögen zu beiden Messzeitpunkten vollständig aus. Bei n = 2 werden die Einzelverläufe deskriptiv dargestellt.
MAAS · Teilnehmerin 1
+3,7 %
Ø 4,08 → 4,23
MAAS · Teilnehmerin 2
+20,9 %
Ø 3,31 → 4,00
Musikaktivität · Teilnehmerin 1
+57,5 %
Ø 2,33 → 3,67
Musikaktivität · Teilnehmerin 2
+24,0 %
Ø 2,33 → 2,89
Pränatale Bindung (MAAS-Kurzversion) je Item
Als Tabelle anzeigen
| Item | Teilnehmerin 1 (T1 / T2 / Δ) | Teilnehmerin 2 (T1 / T2 / Δ) | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Item 3 · Gefühle gegenüber dem Baby | 5 | 5 | ±0 | 4 | 5 | +1 |
| Item 7 · Baby hängt von mir ab | 4 | 4 | ±0 | 4 | 4 | ±0 |
| Item 9 · Gedanken (gereizt → zärtlich) | 4 | 4 | ±0 | 3 | 5 | +2 |
| Item 10 · Klares Bild vom Baby | 4 | 5 | +1 | 2 | 3 | +1 |
| Item 11 · Gefühle (traurig → glücklich) | 4 | 4 | ±0 | 4 | 4 | ±0 |
| Item 13 · Emotionale Nähe | 5 | 5 | ±0 | 3 | 4 | +1 |
| Item 15 · Erwartung an den ersten Kontakt | 5 | 5 | ±0 | 4 | 5 | +1 |
| Item 1 · Wie oft ans Baby gedacht | 5 | 5 | ±0 | 2 | 4 | +2 |
| Item 2 · Stärke der Gefühle | 3 | 4 | +1 | 2 | 4 | +2 |
| Item 4 · Wunsch, Infos zu lesen | 5 | 5 | ±0 | 5 | 5 | ±0 |
| Item 5 · Baby vorgestellt | 3 | 4 | +1 | 5 | 4 | −1 |
| Item 8 · Allein mit dem Baby gesprochen | 3 | 3 | ±0 | 2 | 3 | +1 |
| Item 17 · Träume vom Baby | 3 | 2 | −1 | 3 | 2 | −1 |
- Bei beiden gestiegen: Item 10 (klares Bild vom Baby) und Item 2 (Stärke der Gefühle).
- Gegenläufig: Item 5 (Baby vorgestellt) stieg bei Teilnehmerin 1 und sank bei Teilnehmerin 2.
- Bei beiden gesunken: Item 17 (Träume vom Baby).
- Der stärkere Anstieg bei Teilnehmerin 2 könnte mit dem früheren Schwangerschaftsstand zusammenhängen (16. statt 23. SSW).
Musikalische Aktivität in den letzten 14 Tagen je Item
Als Tabelle anzeigen
| Item | Teilnehmerin 1 (T1 / T2 / Δ) | Teilnehmerin 2 (T1 / T2 / Δ) | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Item 1 · Für mein Baby gebrummt | 1 | 4 | +3 | 2 | 4 | +2 |
| Item 2 · Für mein Baby gesummt | 1 | 4 | +3 | 2 | 4 | +2 |
| Item 3 · Meinem Baby vorgesungen | 3 | 4 | +1 | 2 | 3 | +1 |
| Item 4 · Kindsbewegungen beim Singen gespürt | 1 | 2 | +1 | 1 | 2 | +1 |
| Item 5 · Zu Hause gesungen/gesummt | 1 | 4 | +3 | 3 | 3 | ±0 |
| Item 6 · Außer Haus gesungen/gesummt | 1 | 3 | +2 | 1 | 1 | ±0 |
| Item 7 · Allein gesungen/gesummt | 4 | 5 | +1 | 2 | 2 | ±0 |
| Item 8 · Mit anderen gesungen/gesummt | 4 | 2 | −2 | 3 | 3 | ±0 |
| Item 9 · Musik gehört | 5 | 5 | ±0 | 5 | 4 | −1 |
- Items 1–4 (Brummen, Summen, Vorsingen für das Baby, Kindsbewegungen dabei) stiegen bei beiden.
- Items 5–7 (zu Hause, außer Haus, allein) stiegen nur bei Teilnehmerin 1.
- Singen mit anderen und Musikhören gingen bei je einer Teilnehmerin zurück.
- Die Dokumentation der Sitzung 2 zeigt: Beide gaben an, nicht häufiger gesungen zu haben. Der Anstieg geht vermutlich teils auf die Aktivität im Workshop selbst zurück.
Qualitativ: Was die Teilnehmerinnen erlebt haben
Neun Hauptkategorien – sechs deduktiv aus dem Interviewleitfaden, drei induktiv aus dem Material (HK 7–9). Am häufigsten kodiert: Partnerbeteiligung, gefolgt von Bindungsentwicklung.
Kodierte Segmente je Hauptkategorie
Als Tabelle anzeigen
| Hauptkategorie | Teilnehmerin 1 | Teilnehmerin 2 |
|---|---|---|
| HK 1 · Bindungsentwicklung | 6 | 5 |
| HK 2 · Rolle & Praxis des Singens | 5 | 2 |
| HK 3 · Partnerbeteiligung | 9 | 6 |
| HK 4 · Barrieren & Förderfaktoren | 3 | 4 |
| HK 5 · Körperwahrnehmung & Regulation | 4 | 5 |
| HK 6 · Empfehlung | 2 | 2 |
| HK 7 · Workshop-Evaluation | 3 | 4 |
| HK 8 · Musikalische Vorerfahrung | 2 | 2 |
| HK 9 · Baby-Framing der Übungen | 0 | 4 |
„Ich weiß nicht, ob verändert, aber auf jeden Fall verstärkt.“
„Okay, jetzt sind wir für dich da.“
„Es gibt dir das Gefühl, schon mal in Verbindung gewesen zu sein mit dem Baby.“
„Es fühlt sich ähnlich an wie nach einer Yoga-Stunde. Ich fühle mich entspannter.“
„Ich fand es SO SCHÖN, dass nicht nur ich alleine zu Hause gesungen habe, sondern mit den anderen zusammen.“
„Aber so das Dreiergefühl, so ich, mein Mann und das Baby, das fehlt mir ein bisschen.“
Zitate aus den Interviewtranskripten, sprachlich minimal geglättet.
Diskussion
Umsetzung
Alle drei Sitzungen konnten wie geplant durchgeführt werden. Ein fremdsprachiges Lied erschwerte das gemeinsame Singen; Textunsicherheit kann in der Gruppe verunsichern. Eine Teilnehmerin wünschte sich, dass die Übungen von Anfang an ausdrücklich an das Baby gerichtet sind („Baby-Framing“).
Singen im Alltag
Die Fragebogenwerte stiegen, die Erzählungen zeigen aber auch, wie schwer die Integration in den Alltag ist. Der Workshop bot Zeit, Raum und Struktur – und es entstanden eigene Rituale, etwa das abendliche Singen „zu dritt“.
Partnerpersonen
Partnerbeteiligung war bei beiden die stärkste Kategorie. Gerade weil Erwachsenen der spielerisch-nonverbale Zugang oft fehlt, könnte es wichtig sein, auch Partner:innen beim Entdecken der eigenen Stimme zu begleiten.
Bindungserleben
Interview und MAAS weisen in dieselbe Richtung. Schon das Aussuchen eines Liedes rückte das Baby stärker in den Fokus – Bindung wurde zu einem bewussteren Prozess.
Limitationen
- Sehr kleine Stichprobe (n = 2), nicht repräsentativ
- Keine Kontrollgruppe – Effekte nicht eindeutig der Intervention zuzuordnen
- Kurzer Zeitraum (4 Wochen), Erhebung endet vor der Geburt
- Nur auf Deutsch – in Harburg haben 49,8 % eine ausländische Staatsangehörigkeit
- Enges SSW-Fenster (12.–26.) erschwerte die Rekrutierung
- Partnerpersonen waren nicht einbezogen
Fazit & Ausblick
MSB kann einen guten Zugang bieten, um die Stimme im Sinne der Bindungsförderung zu erkunden. Das Aussuchen eines Liedes für das Baby und die Arbeit damit kann eine passende Methode sein, um die pränatale Bindung werdender Mütter zu ihrem Ungeborenen zu fördern.
Nächste Schritte für Forschung und Praxis
- 1
Partner:innen einbeziehen
Das Manual für werdende Eltern als Paar bzw. für weitere künftige Bezugspersonen öffnen.
- 2
Größer und kontrolliert
Größere Stichprobe und Kontrollgruppendesign, damit Aussagen zur Wirksamkeit möglich werden.
- 3
Über die Geburt hinaus
Längerer Erhebungszeitraum, der die Zeit nach der Geburt einschließt.
- 4
Mehrsprachig
Dolmetschende oder eine mehrsprachige Leitung, um Sprachbarrieren abzubauen.
- 5
Übungen ans Baby richten
Baby-Framing von Beginn an; kurze, gut mitsingbare Liedteile auswählen.
- 6
In Kooperation
Durchführung mit einer Einrichtung, die Plätze fest einplant und den Ansatz in die Versorgung integriert.
Forschungsbericht & Materialien
Wir stellen einen redigierten Auszug des Forschungsberichts zur Verfügung. Zum Schutz aller Beteiligten sind Teilnehmerinnen nur als „TN1/TN2“ bezeichnet, Matrikelnummern und Nachnamen der Mitautorinnen entfernt sowie Unterschriften, Einwilligungen, Ethikunterlagen, Transkripte und Dokumentationsbögen nicht enthalten.
Forschungsbericht – redigierter Auszug ↓
PDF · 56 Seiten · ca. 1,3 MB
Zusammenfassung, Abstract, Kapitel 1–6, Literatur, Workshop-Manual, Handouts und Kategoriensystem
Workshop-Manual (Interventionsablauf) ↓
PDF · 4 Seiten
Ablauf, Bausteine und Zeiten aller drei Sitzungen
Zitiervorschlag
MSB-Forschungsteam (2026). Musically Supported Bonding: Eine Pilotstudie zur Evaluation einer dreistufigen Intervention zur frühzeitigen Bindungsförderung während der Schwangerschaft [Forschungsbericht]. MSH Medical School Hamburg.
Interesse am Austausch?
Sie arbeiten in der Geburtshilfe, Musiktherapie, Familienberatung oder Forschung und möchten sich über Methode und Ergebnisse austauschen, das Manual weiterentwickeln oder eine Kooperation ausloten? Ich freue mich über Ihre Nachricht.
E-Mail an Mark SchmidtsProjektteam
Durchgeführt von Studierenden des Bachelorstudiengangs Musiktherapie (4. Semester, SoSe 2026) an der MSH Medical School Hamburg, Fakultät Campus Arts and Social Change, im Modul „Empirische Forschungsmethoden der Künstlerischen Therapien“. Lehrende: Prof. Dr. Anne-Katrin Jordan.
- Mark Schmidts· Ansprechpartner
- Carlotta A.
- Megi A.
- Lena M.