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Bindung & Musik

Wie Stimme, Singen und Klang die erste Beziehung formen

Noch bevor ein Kind das erste Wort spricht, kommuniziert es — und wartet auf Antwort. Musik, Stimme und Rhythmus sind die Sprache dieser frühen Begegnung.

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Was ist Bindung?

Bowlby (1982) entwickelte die Bindungstheorie — ein grundlegendes Konzept der Entwicklungspsychologie: Babys sind biologisch darauf ausgelegt, Nähe zu Bezugspersonen zu suchen, um Sicherheit zu erlangen. Diese evolutionär verankerte Tendenz schafft die Grundlage für alle späteren Beziehungen. Ainsworth et al. (1978) identifizierten auf Basis empirischer Beobachtungen (Fremde Situation) verschiedene Bindungsmuster, die zeigen, wie unterschiedlich Kinder auf die Verfügbarkeit und Reaktionsfähigkeit ihrer Bezugspersonen reagieren. Main & Solomon (1986, 1990) ergänzten später das desorganisierte Muster als vierte Kategorie.

Sicher

Elternteil ist verlässliche sichere Basis — Kind erkundet die Welt mit Vertrauen

Unsicher-vermeidend

Bedürfnisse wurden oft nicht beantwortet — Kind lernt, Gefühle zu unterdrücken

Unsicher-ambivalent

Inkonsistente Reaktionen — Kind bleibt ängstlich und klammert sich

Desorganisiert

Bezugsperson war Quelle von Angst — Kind hat keine kohärente Strategie

Nach Bowlby (1982); Ainsworth et al. (1978); Main & Solomon (1986, 1990).

Bindung beginnt vor der Geburt

Babys nehmen bereits ab der 24. Schwangerschaftswoche (SSW) Schall wahr (Kaufmann & Nussberger, 2014, S. 92) und können im letzten Trimester auf Stimuli reagieren (Elmer, 2015, S. 101). Der Übergang zur Elternschaft stellt eine tiefgreifende Identitätsveränderung dar (Geene, 2018). Die frühe Identifikation als Elternteil beginnt bereits etwa ab der 12. SSW und bildet die Grundlage für die pränatale Bindungsentwicklung (Geene, 2018).

24. SSW

Baby hört erste Schalleindrücke

28. SSW

Erste Reaktionen auf vertraute Stimmen

32.–36. SSW

Deutliche Reaktionen auf Musik & Rhythmus

Geburt

Stimme der Mutter sofort erkennbar

Nach Kaufmann & Nussberger (2014); Elmer (2015).

Präverbale Kommunikation — die vergessene Sprache

Babys kommunizieren zunächst ausschließlich nonverbal (Bowlby, 1982). Erwachsene sind gewohnt, kognitiv-verbal zu kommunizieren, und haben häufig den intuitiven Zugang zu spielerischer, nonverbaler Interaktion verloren (Stumptner & Thomsen, 2005). Dabei ist genau diese nonverbale Ebene zunächst die einzige, die echte Verbindung ermöglicht. Wenn ein Baby erlebt, dass seine Bedürfnisse von einer Bezugsperson erkannt und reguliert werden, baut es Vertrauen auf und entwickelt nach und nach eine sichere Bindung (Phan Quoc, 2020).

„Diese nonverbale Ebene ist zunächst die Einzige, die wahre Verbindung zulässt.“

— Stumptner & Thomsen (2005)

Die Stimme als Bindungswerkzeug

„Ich kann nicht singen“ — diese Aussage ist in Deutschland weit verbreitet, verfehlt aber den Punkt. Summen, Vokalisieren und Wiegenlieder erfordern keine musikalische Ausbildung. Eine bemerkenswerte Studie (Carlsen Misic et al., 2025) zeigte, dass Eltern — unter denen sich keine Berufsmusiker·innen befanden — die bei schmerzhaften medizinischen Eingriffen für ihre Babys sangen, deren Stresserleben signifikant reduzierten und zur Regulation beitrugen. Bereits einfaches Summen und Melodie-Vokalisieren reicht aus, um Sicherheit zu vermitteln. Musikalische Fähigkeiten sind dem Menschen von frühester Kindheit an innewohnend (Phan Quoc, 2020).

Regulation durch Summen

Eltern, die bei schmerzhaften Untersuchungen sangen, beruhigten ihre Babys signifikant (Carlsen Misic et al., 2025)

Wiegenlieder im NICU

Lebendige Wiegenlieder von Eltern verbessern Vitalzeichen, Schlaf und Ernährung bei Frühgeborenen (Loewy et al., 2013)

Stimme & Schmerzreduktion

Singen kombiniert mit Hautkontakt reduziert Schmerzerfahrungen signifikant (Carlsen Misic et al., 2025)

Song of Kin — das therapeutische Wiegenlied

Loewy (2015) entwickelte das Konzept des „Song of Kin“ — ein personalisiertes Wiegenlied, das eigens für ein Kind geschaffen wird und im NICU-Setting als kritisches therapeutisches Werkzeug eingesetzt wird. Das Lied verbindet die Stimme der Bezugsperson mit dem Erleben des Kindes auf eine zutiefst individuelle Weise.

Musiktherapie in der Schwangerschaft

Musiktherapie bietet strukturierte Interventionen, die die Bindung bereits vor der Geburt unterstützen. Forschungsergebnisse zeigen positive Effekte auf Angst, Wohlbefinden und die emotionale Verbindung zum Ungeborenen (Cheung et al., 2025; Kaufmann & Nussberger, 2014). Wulff et al. (2017) belegen, dass Musik in der Geburtshilfe Anspannung, Schmerz und Stress reduziert. Auch das häusliche Musikumfeld spielt eine bedeutende Rolle — der Music@Home-Fragebogen von Politimou et al. (2018) erfasst, wie musikalische Aktivität zu Hause die frühe Entwicklung unterstützt.

Was Musiktherapie bieten kann:

  • Unterstützung der pränatalen Bindung
  • Stimmarbeit & Vokalisation
  • Entspannung & Stressreduktion
  • Aktivierung musikalischer Intuition

Für wen?

  • Werdende Eltern (ab 12. SSW)
  • Menschen mit Schwangerschaftsstress oder -ängsten
  • Alle, die ihre Stimme als Werkzeug entdecken möchten
  • Familien in besonderen Belastungssituationen

Du erwartest ein Baby?

Werde Teil unseres Forschungsprojekts „Musically Supported Bonding“ (MSB) an der MSH Medical School Hamburg. Drei kostenlose Workshops, in denen du deine Stimme als Werkzeug entdeckst — für dich und dein Ungeborenes.

Zum Forschungsprojekt →

Also available in English →

Literaturverzeichnis

  1. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the Strange Situation. Erlbaum.
  2. Bowlby, J. (1982). Attachment and loss: Vol. 1. Attachment (2nd ed.). Basic Books.
  3. Carlsen Misic, M., Ericson, J., Eriksson, M., Olsson, E., & Ullsten, A. (2025). Effect of combined skin-to-skin contact, breastfeeding, and parents’ live lullaby singing on relieving acute procedural pain in neonates (SWEpap): A multicenter randomized controlled trial in Sweden. BMC Pediatrics. https://doi.org/10.1186/s12887-025-06393-y
  4. Cheung, P. S., Mohamad, M. M., Fitzpatrick, K., Murphy Tighe, S., Clifford, A. M., & McCaffrey, T. (2025). A specialised antenatal music therapy (SAMT) programme for pregnant women with mental health conditions. Nordic Journal of Music Therapy, 34(3), 202–224. https://doi.org/10.1080/08098131.2024.2396099
  5. Elmer, S. S. (2015). Kind und Musik. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-41692-7
  6. Geene, R. (2018). Gesundheitsförderung rund um die Geburt — Das 10-Phasen-Modell. Gesundheitswesen, 80. https://doi.org/10.1055/s-0038-1667617
  7. Kaufmann, J., & Nussberger, R. (2014). Gespürt — gehört — gebor(g)en: Musiktherapie mit risikoschwangeren Frauen, Säuglingen und Kleinkindern. Reichert.
  8. Lehnig, F., Linde, K., & Wallwiener, M. (2024). Reliability and validity of the original and brief German version of the Maternal Antenatal Attachment Scale (MAAS). PLOS ONE, 19(12), e0316374. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0316374
  9. Loewy, J. (2015). NICU music therapy: Song of kin as critical lullaby in research and practice. Annals of the New York Academy of Sciences, 1337, 178–185. https://doi.org/10.1111/nyas.12648
  10. Loewy, J., Stewart, K., Dassler, A. M., Telsey, A., & Homel, P. (2013). The effects of music therapy on vital signs, feeding, and sleep in premature infants. Pediatrics, 131(5), 902–918. https://doi.org/10.1542/peds.2012-1367
  11. Main, M., & Solomon, J. (1986). Discovery of a new, insecure-disorganized/disoriented attachment pattern. In T. B. Brazelton & M. Yogman (Eds.), Affective development in infancy (pp. 95–124). Ablex.
  12. Main, M., & Solomon, J. (1990). Procedures for identifying infants as disorganized/disoriented during the Ainsworth Strange Situation. In M. T. Greenberg, D. Cicchetti, & E. M. Cummings (Eds.), Attachment in the preschool years (pp. 121–160). University of Chicago Press.
  13. Phan Quoc, E. (2020). Die Bedeutung der Bindungstheorie für die Musiktherapie. In H. U. Schmidt et al. (Hrsg.), Musiktherapie bei psychischen und psychosomatischen Störungen (S. 169–189). Elsevier.
  14. Politimou, N., Stewart, L., Müllensiefen, D., & Franco, F. (2018). Music@Home: A novel instrument to assess the home musical environment in the early years. PLOS ONE, 13(4), e0193819. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0193819
  15. Stumptner, K., & Thomsen, C. (2005). MusikSpielTherapie (MST) — Eine Eltern-Kind-Psychotherapie für Kinder im Alter bis zu vier Jahren. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 54(8), 684–699. https://doi.org/10.25656/01:966
  16. Wulff, V., Hepp, P., Fehm, T., & Schaal, N. K. (2017). Musik in der Geburtshilfe: Eine Interventionsmöglichkeit zur Anspannungs-, Schmerz- und Stressreduktion. Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 77(9), 967–976. https://doi.org/10.1055/s-0043-118414

AutorInnen

Megi Arifi

Mark Schmidts

[email protected]

Lena Mohr

Carlotta Abbushi